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24.09.2026

Wenn der Roboter zum Helfer wird – und der Mensch fehlt

Technik kann Assistenz ergänzen. 

Sie darf aber nicht zum Ersatz für menschliche Nähe werden.


Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, welche Rolle Roboter und technische Hilfsmittel künftig
in der Pflege und Assistenz spielen werden. Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich schnell. 

Roboter können Gegenstände transportieren, Menschen bei bestimmten Bewegungen unterstützen oder einfache Aufgaben übernehmen. Auch im eigenen Zuhause können technische Systeme schon heute dabei helfen, den Alltag selbstständiger zu gestalten.

Ich selbst nutze technische Unterstützung, weil sie mir mehr Selbstständigkeit ermöglicht.

Ein Beispiel ist ein Smart-Home-System, mit dem ich über einen Sprachassistenten unter anderem mein Licht oder meinen Fernseher steuern kann. Was für andere vielleicht nur bequem ist, kann für einen Menschen mit Beeinträchtigung einen ganz anderen Stellenwert haben: Es kann eine Handlung ermöglichen, für die sonst die Unterstützung einer anderen Person notwendig wäre.

Deshalb bin ich ausdrücklich nicht gegen technische Hilfsmittel.
Im Gegenteil: Technik kann Barrieren abbauen, Selbstständigkeit fördern und Assistenz sinnvoll ergänzen.

Trotzdem beschäftigt mich eine andere Frage: Was passiert, wenn aus der Ergänzung irgendwann ein Ersatz wird?

Gerade im Bereich der Pflege und persönlichen Assistenz besteht die Gefahr, dass technische Lösungen vor allem
unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, was sie kosten. Ein Roboter ist möglicherweise eine einmalige Anschaffung. 

Personal dagegen kostet dauerhaft Geld. Wenn politische oder wirtschaftliche Entscheidungen ausschließlich
nach diesen Kriterien getroffen werden, könnte irgendwann die Versuchung entstehen, menschliche Assistenz
durch Technik zu ersetzen.

Das wäre aus meiner Sicht der falsche Weg.

Assistenz besteht nämlich nicht nur darin, eine Tätigkeit auszuführen. Assistenz bedeutet auch Begegnung.
Ein Mensch kann fragen, wie es mir geht. Er kann merken, wenn ich einen schlechten Tag habe. 

Man kann miteinander reden, lachen, diskutieren oder sich auch einmal streiten. 

Manchmal ist gerade dieses Zwischenmenschliche ein wichtiger Teil eines selbstbestimmten Lebens.

Natürlich können moderne Systeme irgendwann vielleicht auch Gespräche führen und auf bestimmte Bedürfnisse
reagieren. Aber ein technisch erzeugtes Gespräch ist nicht automatisch dasselbe wie eine menschliche Beziehung.
Pflege und Assistenz haben deshalb eine soziale und emotionale Dimension, die sich nicht allein in der Frage messen lässt,
ob eine bestimmte Handlung technisch ausgeführt werden kann.

Dabei möchte ich Technik nicht romantisieren und menschliche Assistenz nicht verklären.
Auch menschliche Assistenz kann schwierig sein. Es gibt Situationen, in denen Assistenzpersonen wechseln, Absprachen nicht funktionieren oder persönliche Vorstellungen aufeinanderprallen. Aber gerade diese zwischenmenschlichen Beziehungen gehören zur Realität des Lebens dazu. Selbstbestimmung bedeutet nicht, dass alles reibungslos funktioniert.
Selbstbestimmung bedeutet auch, Beziehungen selbst gestalten zu können.

Deshalb sollten wir bei der Digitalisierung von Pflege und Assistenz eine klare Grenze ziehen:
Technik sollte Menschen unterstützen, nicht Menschen ersetzen, nur weil sie auf den ersten Blick billiger erscheint.

Die entscheidende Frage darf also nicht lauten: Was kann ein Roboter günstiger erledigen?

Sie muss lauten: Was braucht ein Mensch, um selbstbestimmt, sicher und mit gesellschaftlicher Teilhabe leben zu können?

Wenn ein technisches Hilfsmittel mir ermöglicht, mein Licht selbst einzuschalten, ist das ein Gewinn an Selbstständigkeit. 

Wenn ein Roboter mir einen Gegenstand bringt, den ich sonst nicht erreichen könnte, kann auch das eine sinnvolle Unterstützung sein. Wenn Technik Assistenzpersonen von körperlich belastenden Aufgaben entlastet und dadurch mehr Zeit für die eigentliche menschliche Begegnung schafft, kann sie sogar eine Verbesserung bedeuten.

Problematisch wird es dort, wo aus der technischen Unterstützung ein Sparmodell wird.

Menschen mit Beeinträchtigung dürfen nicht zu einer Kostenstelle werden, bei der am Ende die billigste Lösung als die beste gilt.

Das Ziel von Assistenz ist nicht die möglichst günstige Versorgung. Das Ziel ist ein möglichst selbstbestimmtes Leben.

Vielleicht sollten wir deshalb bei der Diskussion über Roboter und künstliche Intelligenz in der Pflege weniger darüber sprechen, was technisch möglich ist. Wir sollten vielmehr darüber sprechen, was gesellschaftlich gewollt ist.

Technik kann vieles.

Aber ein selbstbestimmtes Leben braucht manchmal mehr als eine funktionierende Maschine.

Es braucht Menschen.

Markus Igel


Hier können Sie sich die gesamte Barrierebrecher Kolumne_08-09/2026 als pdf herunterladen. Vorlesen

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